
Fußballspiele sind im Grunde recht faschistoide Veranstaltungen. Ausnahmen bestätigen bekanntlich nur die Regel. Nicht dass der sympathische Ballsport etwas dafür könnte: Der Handball kann ja auch nichts dafür, dass er plötzlich, als nationaler Auftrag verkannt (oder erkannt?), von allen Deutschen, die es ansonsten komischerweise mit Churchill ( „No Sports“) halten, astronomisch hohe Einschaltquoten genießt. Auf einmal begeistert sich die halbe Welt für Handball. Warum ist klar: Es geht um Deutschland.
Ich kann nur von Nürnberg sprechen: Was von mir selbst als harmloser Lokalpatriotismus trivialisiert wird, ist in Wirklichkeit viel mehr. Und ich nehme an, dass die einzelnen Vereine in Sachen „Fankultur“ sich wenig nehmen.
Heimspiel sowie Auswärtsspiel bedeutet Identitätsbildung. „Daheim“ ist man Übermacht, auswärts Minorität, die gegen übermächtige Kräfte ankämpft. Beides bedeutet dasselbe.
Es benötigt zu derartiger Vergemeinschaftlichung ein Feindbild. Dieses variiert von Spieltag zu Spieltag, einmal sind die Spieler und Fans aus Stuttgart „Hurensöhne“, eine Woche später erledigen diesen unrühmlichen Job die „Bayernschweine“ aus München.
Zwar selten, aber exemplarisch kommt es dann auch einmal vor, dass ganz offen ausgesprochen wird, was der jeweilige Gegner für den gemeinen Fußballfan darstellt. So geschehen am 5.12.2005, als beim Spitzenspiel der 2.Bundesliga Fans von Energie Cottbus gegen Dynamo Dresden ein Transparent mit der Aufschrift „Juden“ hochhielten, das „D“ gebrandmarkt als das Vereinslogo von Dynamo Dresden.
Dieser „Einzelfall“, zwar zurecht, aber eben nur als solcher von allen Seiten kritisiert, verdeutlicht nur einmal mehr, dass der Fußball als hervorragendes Ventil dient, den Volkszorn an ausgemachten Feinden auszulassen.
Es schämt sich der über die Woche brave Familienvater nicht, seinen Hass auf alles andersartige jeden Samstag, 15.30 (in diesem Fall Freitag, 20.30) ganz öffentlich zu verkünden: „Schwuler FCB“ singt er, oder „Tod und Hass dem FCB“, und weiß ganz genau, dass er auch „Tod und Hass dem Juden“ singen würde, würde es die Zeit erlauben.

Auch traditionell faschistische Organisationsformen sind der deutschen Fankultur nicht fremd.
Die Nazistadt Nürnberg zumindest, bekannt durch Lebkuchen und Bratwürste, Rassengesetze und Reichsparteitage, hält an dem Führerkult fest: Ganz gemäß dem Motto „Du bist nichts, dein Volk dein Verein ist alles“ spielt der Sparkassenangestellte „Basti“ (Foto) den Chefideologen und Vorschreier. Mit ausgestreckten Armen brüllt seine Gefolgschaft (10 000 durchgeknallte Fanatiker) alles nach, was er für verkündenswert hält.
Heraus kommen beispielsweise solch intelligente Sätze wie: „Ich war sehr begeistert und fand es auch geil,
von nun an war ich auch immer dabei“.
So gleicht eine berühmte Forderung der berüchtigten UN94 (Ultras Nürnberg 1994) zur Mobilisierung des nürnbergerdeutschen Nachwuchses in vielen Punkten der Propaganda und Bestrebung der HJ.
In ihrer hierarchischen Organisation propagieren die so genannten „Ultras“ einen Antikapitalismus, der an antisemitische Stereotype wie dem des „Geldjuden“ anknüpft und vor allem am Beispiel des „Klassenfeindes“ Bayern München festgemacht wird. „Uli Hoeness, wir scheißen auf dein Geld, wir machen aus dem FCB den größten Puff der Welt“ tönt es aus den heimischen Reihen und nicht selten ist die Rede von einer Vereinnahmung des „Volkssport“ Fußballs durch die Kapitalisten dieser Welt. Gewettert wird gegen einen Authentizitätsverlust, gegen zu hohe Spielgelder, gegen Manager, die überall die Fäden ziehen, gegen die Verjudung den Ausverkauf des Massensports.
Das Zitat „Sind geboren um für euch zu sterben“ stammt nicht etwa von Selbstmordattentätern oder Nazis, sondern von besagten Brüllaffen der Nürnberger Fanposse.
In völliger Verblödung heißt es weiter: „Sind wir dann einmal gestorben, werden wir wieder auferstehen“. Ein absurdes Bekenntnis zu Deutschland, zum Selbstopfer, zu Jesus Christus.
Der Gipfel des Eisbergs ist erreicht, wenn in geschätzten 200 Meter Entfernung zum Reichsparteitagsgelände nach gewonnenen drei Punkten faschistische „Sieg“-Rufe ertönen, getragen von einem zehntausende Mann zählenden Mob, der das Stadion in einen gespenstischen Massentempel verwandelt, der nicht zufällig an nationalsozialistische Massenkundgebungen erinnert. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass unten nur Fußball gespielt wird.
Das bekannte „U-Bahn Lied“, nicht selten zu hören auf dem Weg von Stadion zum Hauptbahnhof, setzt dem nur noch die Krone auf.
Nun das große Aber: All dem zum Trotz Fußballfan zu sein, ist wahrlich schwierig. Aber es geht. Und so ist die Freude über den grandiosen 3:0 Sieg im gestrigen Derby gegen den FC Bayern München groß, der doch mit einem ambitionierten neuen Trainer („Dass es schwer wird, wusste ich. Dass es so schwer wird, ist überraschend“) und großen Erwartungen nach Nürnberg gefahren ist.
Wider den deutschen Geist im Sport, entgegen dem Identitätskram und dem Massenerlebnis wird der Derbysieg also noch bis in die frühen Morgenstunden gefeiert und darf ruhig im Gedächtnis verweilen.
Der FC Bayern München hingegen darf sich schon einmal nach einem neuen Trainer umsehen.